Berichte

An sich ist der Samstag ja der 'Stamm-Tag' für Konzerte, ab und zu bietet sich aber auch an einem Freitag dem EM-Fan die Gelegenheit, den Stress einer Arbeitswoche mit seiner Lieblingsmusik hinter sich zu lassen.  So ist es auch heute, der Schallwende-Verein hat einmal wieder zu einem Doppelkonzert im Bochumer Planetarium eingeladen.  Der manchmal geäußerten Kritik, es würden bei Schallwende ja doch immer nur Holländer oder Picture Palace music spielen, kann man mit dem heutigen Event entgegentreten: Eingeladen sind Erik Seifert und Charly Steinbüchel, für die es nach einem Kurzauftritt bei einer Schallwelle-Preisverleihung erst das zweite Mal ist, sowie Frank Tischer, für den es seine Solo-Premiere in der Bochumer Kuppel ist.

Leider wird der Mut, auch mal etwas anderes zu zeigen, nicht so recht honoriert: am Ende werden es gerade einmal knapp dreißig zahlende Besucher sein, die dieses Doppelkonzert sehen wollen. Die haben dann zwar im Planetarium den Luxus von viel Platz und freier Sitzwahl, aber solche niedrigen Besucherzahlen machen natürlich weder das Planetarium noch den Schallwende-Verein glücklich.

Besonders schade ist der geringe Zuspruch, weil es an diesem Abend gleich zwei Premieren geben soll: Sowohl Seifert und Steinbüchel als auch Frank Tischer werden Musik aus ihren frisch erschienenen Alben live darbieten.  Vielleicht hätte man das in den Ankündigungen noch deutlicher herausstellen sollen, vielleicht ist der Freitag doch nicht der ideale Tag für so eine Veranstaltung, vielleicht ist der eine oder andere übersättigt mit zu vielen Veranstaltungen?  Darüber kann man diskutieren, aber nicht heute Abend.  Den werden wir dann einfach im intimen Kreis genießen.

Ganz pünktlich um 21 Uhr beginnt das erste Konzert nicht. Am Freitagnachmittag ist auf der Autobahn im 'Pott' einiges los, alle Musiker haben mehr oder wenig viel Zeit im Stau verbracht und sind mit dem Aufbauen nicht rechtzeitig fertig geworden. Ganz soviel aufzubauen ist aber nicht, zumal Frank Tischer den bereits auf der Bühne vorhandenen Flügel nicht nur als Ablage für seine Synthesizer und Keyboards nutzen wird.  Er ist schließlich ausgebildeter Konzertpianist, die Mischung von Klavier und Elektronik ist eines der Erkennungszeichen bei ihm.  Sylvia gibt noch eine kurze Begrüßung und Einführung und will dann das Mikrofon an ihn übergeben.  Aber wo ist der Frank?  Der ist noch draußen im Foyer und hat übers Reden beinahe vergessen, dass er gleich dran ist.  Noch ein paar Worte von ihm, dann geht es los.

Sphärische Klänge und dezentes Klavierspiel leiten das Konzert ein, dazu projiziert Klaus-Dieter Unger eine geschlossene Wolkendecke an die Kuppel.  Die hätte man an diesem Tag auch im Freien haben können, aber schon wenig später wird die Wolkendecke durchstoßen und wir sind in himmlischen Sphären angelangt.  Passend zum puristischen Sternenhimmel bleibt die Musik so sanft, wie sie angefangen hat.  Frank wird später erzählen, dass sein musikalisches "Aha-Erlebnis" Klaus Schulzes "Timewind" war, und daran orientiert sich sein Stil bis heute.  Nach einer langen Arbeitswoche ist das auf jeden Fall eine emotionale Vollbremsung. Mit der Zeit gesellen sich an der Kuppel noch Nordlichter und Sternbilder dazu.  Und irgendwann ist die Reise auch wieder vorbei, wie immer viel zu schnell.  Wer sie zu Hause noch einmal nachempfinden will, greift bei den ausgelegten CDs zu, die übrigens weder im Laden noch als Download zu haben sind.  Es gibt sie nur direkt vom Erzeuger, quasi "Bio-CDs", wie Frank schmunzelnd anmerkt.

Nachdem Frank den größten Teil der mitgebrachten CDs losgeworden ist, ist schnelles Abbauen abgesagt.  Er hat ja noch einen längeren Weg zu seiner hessischen Heimat vor sich, deshalb durfte er auch diesen Abend eröffnen.  Auf der frei gewordenen Hälfte der Bühne können sich jetzt Erik Seifert und Charly Steinbüchel mit ihren beleuchteten Pulten ausbreiten.  Die Geräte darauf sind schon vorverkabelt, so dass der restliche Aufbau zügig in der Pause vonstatten geht.  Mit einem "Wir wären fertig" vermeldet Erik Vollzug, allein - dieses Mal ist Sylvia noch draußen im Foyer und muss zurück zum Mikrofon eilen.

Auch Seifert und Steinbüchel haben am heutigen Tag ein neues Album mitgebracht.  Von einer CD zu sprechen, wäre hier fehl am Platz, denn am Verkaufsstand ist "Reverse Engineering" ausschließlich als USB-Stick im Scheckkartenformat erhältlich. Diese Form des Tonträgers hatten die beiden auch schon vor drei Jahren bei der "Softlock" gewählt, aufgrund der Länge sowie des Bonusmaterials.  Inzwischen ist "Softlock" auch als Doppel-CD erhältlich, warten wir einmal ab, ob Freunde des runden Silberlings auch noch "ihre" Ausgabe bekommen werden.

Am heutigen Abend stellt "Reverse Engineering" auf jeden Fall einen Kontrast zu Frank Tischer dar: dem technischen Titel angemessene harte Beats und Klänge, auf jeden Fall so rhythmisch, dass es Erik und Charly hinter ihren Pulten auf der Bühne zum Mitwippen animiert - die beiden freut es, den Fotografen, der im Dunkel mit langer Belichtungszeit arbeiten muss, vielleicht nicht ganz so.  Passend zur Musik werden Klaus-Dieter Ungers Projektionen an der Kuppel auch wieder deutlich dynamischer - Polygone und Planeten fliegen über das Rund.  Die 'Teilung' des Saturn findet danach besonderes Echo - ob das wohl Frau Professor Hüttemeister recht gewesen sein wird?  Aber die war ja an diesem Abend gar nicht anwesend, und Klaus-Dieter versichert, die neben seinem Platz angebrachte Webcam würde nicht bei seiner Chefin zu Hause im Wohnzimmer enden.

Das erste Konzert hatte erst um 21 Uhr angefangen, und dementsprechend spät ist es, als Erik und Charly mit ihrem geplanten Programm fertig sind.  "Da es ja sowieso so spät ist und alle sitzen bleiben, haben wir noch eine kleine Zugabe vorbereitet".  In der Zugabe kommt das Finale der "Softlock" mit seinen Chören zu Gehör, und zusammen mit ihr ist es dann auch ziemlich genau Mitternacht.  Das war ein schöner Einstieg ins Wochenende, dem man nur ein paar zahlende Zuschauer mehr gewünscht hätte.  Ob es daran liegt, das der nächste Termin im Planetarium Bochum erst wieder am Ende des Jahres liegt - ich weiß es nicht.  Hoffen wir einmal, dass ein paar Monate EM-Abstinenz im Planetarium wieder etwas mehr Appetit darauf wecken werden.

Alfred Arnold