Berichte

Das Cosmic Nights-Festival ist neben B-Wave das andere große EM-Event, das einmal im Jahr in Belgien stattfindet.  Bisher habe ich es (leider) nur einmal dorthin geschafft, obwohl es diesen Punkt in Kalender auch schon seit fünf Jahren gibt. Irgendwie ist immer ein anderer Termin dazwischen gekommen, der Mai ist einer der Monate, in denen vergleichsweise viel 'los' ist.

Dieses Jahr hat es aber geklappt, und der Weg ist für mich erfreulich kurz, denn von Aachen nach Heusden-Zolder ist es nur eine Dreiviertel Stunde mit dem Auto.  Eine Besonderheit von Cosmic Nights ist, dass es jedes Jahr an einem anderen Ort stattfindet.  Als ich das letzte Mal vor zwei Jahren dabei war, hatte man zum Beispiel das Planetarium Brüssel ergattert.  Falls es bei Heusden-Zolder 'klingelt': In Heusden-Zolder liegt auch "CC Muze", die Heimat des B-Wave Festivals.  Dorthin geht es heute aber nicht, als Spielort ist "ZLDR Luchtfabriek" angekündigt, irgendein altes, stillgelegtes Fabrik-Gelände, denke ich mir so bei den Fotos.

Das Navi führt mich an den Rand von Heusden, und was ich als erstes sehe, macht mich doch schon ein wenig sprachlos.  "Altes Fabrik-Gelände" trifft die Sache nicht so ganz: In Heusden wurde bis in die 90er-Jahre Kohle gefördert, und was sich vor meinen Augen auftut, ist das ehemalige Zechengelände, mit mehreren großen Hallen, den alten Wasser- und Fördertürmen, und einem Schornstein, dem man origineller weise mitten auf dem Platz zwischen den Gebäuden hat stehen lassen.  Eine Hochzeitsgesellschaft vergnügt sich gerade vor der großen Maschinenhalle, an deren linken Rand ist der Eingang zur "Luchenfabriek".  Hinter der großen Halle gibt es wohl noch weitere Cafes und Restaurants.

Direkt nach dem Eingang wird man erst einmal von den Resten einer großen Turbine begrüßt, hinter einer weiteren Glastüre ist der eigentliche Empfang.  Dort wird man auch schon vom der "Crew" von Cosmic Nights begrüßt.  Die eigenen T-Shirts mit dem Logo des Events sind ja bereits bekannt, an diesem Tag trägt das Personal auch noch - passend zum Spielort - einen Bergarbeiter-Helm mit Grubenlampe.  Ein kurzer Blick in die Reservierungsliste, ja, die Überweisung des Eintritts im Vorverkauf ist angekommen, man erhält das obligatorische Bändchen.  Dafür habe ich nur noch den linken Arm frei, am rechten Handgelenk habe ich immer noch das grüne Bändchen von Windeck.  Ich kenne noch mindestens eine weitere Person, die noch ihr "Schwingungen-Festival-Bändchen" trägt, und inzwischen läuft so ein kleiner Wettbewerb, wer seines länger behält.  Um das vorwegzunehmen: ja, Klaus war an diesem Tag auch da, und er hat sein Bändchen auch noch.  Ausgang also weiter offen...

Bis das erste Konzert beginnt, ist noch ein wenig Zeit für einen Rundgang durch das Museum im Erdgeschoss.  Hier hat man die diversen Pumpen, Motoren und das Gewirr von Leitungen stehen gelassen, damit sich der Besucher einen Eindruck verschaffen kann, wie die Arbeit in dieser Mine einst war.  Auf Monitoren laufen Kurzfilme, in denen ehemalige Arbeiter von der Zeit erzählen.  Ein Zuckerschlecken war die Arbeit bestimmt nicht, und heute noch liegt der für solche Orte eigentümliche Geruch von Eisen, Rost und Maschinenöl in der Luft.  Ich als "Büroarbeiter" muss schon eine ganze Weile zurückdenken, wann ich den zum letzten Mal in der Nase hatte.

Nach diesem Rundgang geht hoch in den zweiten Stock, wo die Konzerte stattfinden sollen.  Nach der Enge zwischen den Maschinen im Erdgeschoss eröffnet sich eine riesige Halle, mindestens drei oder vier Stockwerke hoch, die sich über die ganze Länge des Gebäudes erstreckt.  In dieser Halle stehen auch noch die großen Maschinen mit erklärenden Tafeln, aber der verbleibende Platz in der Halle ist immer noch so groß, dass die Veranstalter an ihren beiden Ende bequem zwei Bühnenbereiche samt Stühlen aufbauen konnten.  Für diesen Tag sind insgesamt sechs Acts angesagt, und die gut hundert Zuschauer werden Konzert für Konzert zwischen den beiden Hallenenden hin- und herpendeln. Stühle für so viele Besucher plus jeweils drei Sätze an Instrumenten sind ja schon nicht wenig , aber trotzdem wirkt das in so einer Halle klein.  DAS ist mal eine Location.

Am hinteren Ende der Halle ist auch noch Platz für eine Bar, einen Stand mit Snacks und diverse Tische.  In diesem Bereich haben auch Syngate und Manikin ihre CD-Stände aufgebaut.  An beiden kann man heute die eine oder andere Neuerscheinung erwerben, deren Musik auch heute zu Gehör kommen wird.

Das erste Konzert beginnt um viertel nach fünf, wenn man mit sechs Konzerten noch vor Mitternacht fertig sein will, ist das ein strammes Programm.  Das Rezept ist hier, die Einzelauftritte eher kurz zu gestalten.  AGE, der Opener, wird zum Beispiel gerade einmal eine dreiviertel Stunde spielen.  Dieses Duo macht bereits seit 40 Jahren elektronische Musik, an heutigen Tag ist quasi ihr Jubiläumskonzert.  Ob es als Remineszenz an frühere Zeiten gemeint ist, dass ein Plattenspieler direkt vorne in der Mitte steht - ich weiß es nicht.  Der Plattenspieler bleibt aber keine reine Dekoration, direkt zu Anfang wird eine alte AGE-Schallplatte aufgelegt.  Bei mir kommen Erinnerungen an Isao Tomita hoch, der bei einem Konzert ja einmal einfach auf der Bandmaschine auf 'Play' drückte und sich dann daneben setzte.  So läuft es dann aber nicht, die Beiden erzeugen auch live Klänge - die ersten zehn Minuten sehr dunkel und minimalistisch, bis eine treibende Sequenz hinzukommt.  Das gibt auch schon die Richtung für den Rest des Abends vor: während andere Festivals dieser Größenordnung auf Abwechslung setzen und sich bemühen, elektronische Musik verschiedener Stile zu präsentieren, ist "Cosmic Nights" ganz der Berliner Schule und spacigen Klangflächen der 70er-Jahre gewidmet.  Fans eher rhythmischer und melodischer EM werden an diesem Tag nicht so ganz auf ihre Kosten kommen.  Dafür passt so ein Musikstil - mit passenden Lautsprechern - aber ganz hervorragend zu so eine große Halle und dem Ambiente.

Irgendwann mitten im Auftritt ist die erste Seite der Schallplatte durch, sie wird aber nicht gewendet.  Das ganze war also doch eher Dekoration, denn die Klänge ändern sich nicht in den letzten zwanzig Minuten.  Eine schöne Einstimmung auf den Abend, dafür ein 'merci beaucoup' von Ignace Branquaer, der auch die noch folgenden Künstler an diesem Abend jeweils mit einer kurzen Einführung vorstellen wird.

Die Pause bis zum zweiten Konzert ist nur eine Viertelstunde lang, also mache ich mich gleich auf den Weg zum anderen Ende der Halle, um einen guten (Sitz-)Platz zum Fotografieren zu bekommen. Nach einem Act aus Belgien ist einer aus Deutschland an der Reihe.  Einen der beiden Mitstreiter von Filter-Kaffee, nämlich Mario Schönwälder, kennt man seit vielen Jahren, Frank Rothe ist vielleicht noch nicht so bekannt: Bei den Konzerten in der Repelener Dorfkirche sorgt er am Mischpult für den guten Ton, er ist aber auch seit einigen Jahren als Musiker aktiv, zum Beispiel bei Fratoroler oder eben hier zusammen mit Mario.  Filter-Kaffee hat in den letzten Jahren bereits drei Alben veröffentlicht, und heute ist der Premieren-Tag der "103".  Die Numerierung der Alben orientiert sich übrigens schlicht an den Melitta-Filtern und -Filtertüten mit gleicher Nummer.  Während der Arbeit an den Alben wurde nicht nur an elektronischen Filtern gedreht, es wurde auch die eine oder andere Kanne Kaffee verbraucht.  Wer die "103" heute am Manikin-Stand kauft, bekommt das Autogramm übrigens nicht auf der CD, sondern stilecht auf einer Filtertüte.

Waren wir mit AGE zeitlich noch in den ganz frühen 70er-Jahren, dann sind wir mit Filter-Kaffee jetzt in der Mitte der 70er angelangt, die Sequenzen dominieren durchgängig. Mario verrät nach dem ersten Titel dessen Namen, "Belgian Romance".  Zwanzig Minuten sind für eine echte Romanze vielleicht ein wenig kurz, aber für Musik der Berliner Schule ist das natürlich eine standesgemäße Dauer.  Gleich bei dieser Gelegenheit bittet Mario auch noch Bas Broekhuis auf die Bühne.  Für den Rest des Konzerts wird ein Perkussionist gebraucht, und wer wäre dafür besser geeignet als das zweite Mitglied von BK&S?  Detlef Keller, der dritte im Bunde, ist übrigens auch anwesend, hat heute aber nur die (wichtige!) Rolle des Fahrers.

Schnell hat sich Bas in den Tunnel getrommelt, er sieht dabei immer so aus, als hätte er den Rest der Welt um sich herum vergessen.  Aber irgendwann muss auch er, so wie die Zuschauer, wieder in die Realität zurück, dieses Konzert ist vorbei.  Ignace will schon zur Dankesrede ansetzen, da meint Mario, sie hätten noch eine kleine Zugabe, das Bier in der folgenden großen Pause muss also noch etwas warten.  Und diese Zugabe entwickelt sich zum dynamischsten Teil des Auftritts, ich habe Assoziationen mit "Rubycon".  Wie auch sonst bei BK&S haben alle Beteiligen einen Riesenspaß an der Sache gehabt, ich sehe am Ende nur lachende Gesichter.

Nach einer großen Pause steht (wieder auf der anderen Seite) mit Aerodyn ein Act auf der Bühne, dessen Name mir noch gar nichts sagt.  Das ist auch nicht weiter verwunderlich, hat sich diese Formation doch anlässlich dieser Veranstaltung überhaupt erst zusammengefunden.  Der Ankündigung entnehme ich, dass die drei nicht nur Musiker, sondern auch Künstler sind.  Das merkt man den Klängen zu Anfang auch an, ich würde so etwas vielleicht eher eher als 'Klangcollage' denn als Musik bezeichnen.  Interessant ist es allemal, wenn elektronische Musik einmal von einer anderen Warte aus betrachtet wird.  Mit der Zeit formt sich das Kunstwerk aber zu einem bombastischen Klanggemälde, das auch von der Lautstärke her nichts für empfindliche Ohren ist.  Die muss der Berichterstatter aber aushalten können, denn in der ersten Reihe ist nun einmal der beste Platz für Fotos.

Aerodyns Auftritt ist der kürzeste dieses Abends, bereits nach einer halben Stunde ist des Kunstwerk vollendet und wird mit einem dicken Applaus bedacht.  Das war bisher das anspruchsvollste Konzert dieses Tages aber es ist schön zu sehen, dass auch so etwas am heutigen Tag beim Publikum Gefallen findet.

Keine Atempause, es geht nach nur einer Viertelstunde weiter mit dem vierten Konzert, und dafür auch wieder ans andere Ende der Halle.  Draußen dämmert es mittlerweile und die Kerzen, die entlang des Weges in der Halle stehen, sind entzündet worden.  Am Ende des Weges warten Perceptual Defence aus Italien und Syndromeda aus Belgien für eine gemeinsame Performance.  Vom ersterem kann man am heutigen Tag am Syngate-Stand auch eine neue Solo-CD erwerben, in diesem Konzert steht aber ein Dialog auf dem Programm, nämlich ein hypothetischer Dialog zweiter Aliens, die versuchen, sich quer durchs All zu erreichen.  Dementsprechend ab-ge-spaced wird dann auch die Musik.  Leider haben die beiden Musiker ihre Instrumente so aufgebaut, dass sie dem Publikum die meiste Zeit ihren Rücken zudrehen.  Sie machen es den dort sitzenden Fotografen also nicht ganz so einfach, einen guten Schnappschuss von ihnen bei der Arbeit zu machen.  Gut zu sehen sind dafür die Rückseiten der T-Shirts mit den beiden Aliens, vielleicht war das auch der Grund?  Wir wissen es nicht, und wir werden auch nicht erfahren, ob die beiden Aliens in Kontakt gekommen sind.  Vielleicht überlegt der eine oder andere ja, wenn er demnächst am Radio einen Sender sucht, ob das atmosphärische Rauschen zwischen den Sendern etwas ist, was wir einfach noch nicht entschlüsselt haben ...Beifall ist diesem Duo am Ende für den Ausflug ins All sicher, und es ist soviel, dass auch noch eine kleine Zugabe gegeben wird, bevor wir uns wieder auf den Weg zurück an hintere Ende der Halle machen.

Mittlerweile ist es draußen komplett dunkel, und die gedämpfte Beleuchtung in der Halle lässt all die aufgestellten Kerzen gut wirken.  Es ist dunkel genug, dass sich Kilian am Syngate-Stand mit seinen Lampen beschäftigen muss - ein paar frische Batterien, und schon kann man die Auslage wieder viel besser sehen.  Mit Mark de Wit alias RHEA steht jetzt einer der Mit-Organisatoren des Cosmic Nights Festivals als Musiker vor dem Publikum.  Auch er hat etwas Neues für diesen Tag vorbereitet, und wie er in der Einführung erzählt, ist es von diesem Raum mit dem Stahl und den Maschinen inspiriert.  Auch Mark ist Anhänger der Berliner Schule und spaciger Klänge, und er hat für diese Premiere - neben einem halben Dutzend anderer Keyboards - einen großen modularen Synthie aus seinem Studio mitgebracht.  Da scheint uns also etwas Großes zu erwarten, und mit wuchtigen Klängen, die den Raum füllen, so wie es früher die Maschinen mit ihren Geräuschen taten, beginnt es auch.

Ob der Geist der Maschinen noch immer hier präsent ist und sie etwas dagegen haben, dass jemand ihnen Konkurrenz macht, weiß ich nicht, aber nach wenigen Minuten bricht die Musik abrupt ab. Irgendeines der viele Geräte will wohl nicht so, wie es soll, und Mark bittet um zwei Minuten Pause, den Fehler zu finden.  Nach den zwei Minuten geht es zwar weiter, aber nur um kurz daraus wieder abzubrechen.

Das Problem ist wohl schwerwiegenderer Natur und nicht mit ein paar Handgriffen zu lösen.  Die Veranstalter planen spontan um: das Konzert von Nightbirds und Monade Ach wird vorgezogen, also alle wieder zurück zur Bühne am vorderen Ende der Halle. Filter-Kaffee, Perceptual Defence und Syndromeda haben ihre Geräte inzwischen abgebaut, so verbleiben nur noch die der beiden Franzosen mit ihren Geräten, eingerahmt von Kerzen.  Auf Keyboard-Ständer verzichten sie, alle Geräte stehen in einem Halbrund auf dem Boden und sie setzen oder hocken sich davor wie einst Klaus Schulze.  Overalls tragen sie dabei aber nicht, und auch ein Lammfell kann ich nicht entdecken.  Irgendeine Unterlage werden sie aber wohl haben, der Boden besteht wie fast alles andere in dieser Halle auch aus Stahl und es dürfte mit der Zeit sonst unangenehm kühl werden.

Die Geräte sind übrigens durchweg Vintage-Modelle aus früheren Jahrzehnten, ich erkenne einen alten ARP Odyssey ebenso wie einen Korg MS-20.  Auf der Web-Seite von Nightbirds kann man übrigens sehen, dass das nur ein ganz keiner Ausschnitt aus seinem 'Fundus' alter Synthesizer ist.  Die darauf gebotene Musik bleibt - wie es sich für diesen Tag gehört - der Berliner Schule und den 70er-Jahren treu, viele Flächen und Sequenzen, wie sie damals von Tangerine zum Beispiel auf der Rubycon gespielt hat.  Bis auf die Kerzen und ein paar bunte Spots ist die Beleuchtung komplett abgeschaltet, perfekt dafür, um in solche Klänge einzutauchen. Hoffentlich ist dabei niemand eingeschlafen, durch die Verzögerung ist es inzwischen nach elf Uhr und das eine oder andere gute belgische Bier tut inzwischen vielleicht auch seine Wirkung.  Auf letzteres muss ich aus Selbstfahrer natürlich verzichten.

Es ist bereits deutlich nach elf Uhr, als Konzert Nummer fünf, das eigentlich ja das sechste sein sollte, sein Ende und den verdienten Beifall findet - Applaus nicht nur für die Musik, sondern auch für die Flexibilität, die durch die technischen Probleme entstandene Lücke zu füllen.  Die Probleme sollen inzwischen gelöst sein, also finden wir uns wieder am hinteren Ende der Halle ein.  Mark richtet noch ein kurzes Stoßgebet gen Himmel, dann beginnt der zweite Anlauf.  Der lässt sich zuerst recht gut an, aber nach zehn Minuten ist leider wieder abrupt Schluss - die Ode an die Maschinenhalle werden wir wohl heute nicht mehr hören.  Das ist natürlich für Künstler und Publikum schade, aber beide müssen nicht übermäßig traurig sein.  Für seine Arbeit, dieses Event (und seine Vorgänger in den letzten Jahren) überhaupt auf die Beine gestellt zu haben, bekommt Mark zum Schluss noch einen Extra-Auftritt und ein Extra-Lob von Ignace samt Extra-Beifall.  Und die fünf anderen Konzerte dieses Tages zusammen mit der außergewöhnlichen Location waren den Besuch dreimal wert.  Ich bin auf jeden Fall gespannt, wohin der Weg zu Cosmic Nights mich nächstes Jahr führen wird!

Alfred Arnold