Berichte

Auch wenn Musik für sich alleine stehen und wirken kann, hat die Kombination mit anderen Kunstformen natürlich ihren besonderen Reiz. Bereits seit einigen Jahren wird dies in den Solinger Güterhallen praktiziert, dort kann der EM-Fan seiner Lieblings-Musik in den Küstlerateliers und Galerien lauschen. Nicht zum ersten Mal führt mich mein Weg in diesem Jahr nach Solingen, um Kunst gleich in mehrfacher Hinsicht zu genießen. Am heutigen Abend soll aber noch eine weitere künstlerische Ausdrucksform hinzukommen: die Literatur.

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Die steht dieses Mal im Mittelpunkt, Wolfgang Brunner wird Teile aus seinem Buch "Smith: Mein Leben bis zur Tragödie der Titanic" vortragen. Dabei werden ihn Torsten "TMA" Abel sowie Wolfgang Barkowski (Alien Nature) musikalisch begleiten. Die Musik wurde speziell für diese Veranstaltung komponiert, man darf also gespannt sein, wie Musik und Texte miteinander in Dialog treten.

Der Sommer macht dieses Jahr leider keine gute Figur, es hat wieder fast den ganzen Tag geregnet. Mit Fiona schaffe ich es in einer kurzen Regenpause, trocken vom Auto zur Galerie zu kommen, und angenehmer Weise dürfen wir auch schon hereinkommen, obwohl der 'offizielle' Einlass erst um 19 Uhr ist. Oft mögen die Musiker es ja nicht, wenn man ihnen beim letzten Soundcheck 'auf die Finger' sieht, der ist aber wohl schon erfolgreich verlaufen - Lesetisch und Keyboards sind verwaist, die Akteure haben Zeit, sich mit den nach und nach eintreffenden Besuchern zu unterhalten. Am Ende werden es derer etwa dreißig sein. Man hätte sich vielleicht noch einge mehr wünschen können, für die Galerie "Pest Project" ist das aber schon eine Zahl, die sie gut gefüllt aussehen lässt.

Überhaupt, die Galerie: was hat sich denn so seit dem letzten Besuch verändert? Viele Ausstellungsstücke scheinen zum festen Inventar zu gehören, zum Beispiel die Deckenlampen. Aber man sieht auch immer wieder neue Exponate, heute zum Beispiel eine Reihe mannshoher Holzfiguren. Schiffe, Lokomotiven und andere Gefährte, an denen Alltagsgegenstände eine neue Funktion bekommen, sind ein wiederkehrendes Thema in dieser Galerie, auch heute finde ich das eine oder neue Objekt mit diesem Thema.

Zwischen den Kunstwerken ist am hinteren Endes der Galerie ein kleiner Verkaufsstand aufgebaut. Heute steht die Literatur im Mittelpunkt, deshalb werden keine CDs angeboten, sondern die Bücher von Wolfgang Brunner. Natürlich ist 'Smith', aus dem heute gelesen wird, in reichlicher Menge vorhanden, aber auch diverse seiner anderen Bücher kann man erwerben. Würde ich die alle kaufen, ich hätte vermutlich Lesestoff für die nächsten anderthalb Jahre - ich bin kein besonders schneller Leser, und neben Beruf sowie diversen anderen Hobbies bleibt mir leider nicht so viel Zeit zur Lektüre. Also bleibt es bei einem Exemplar von 'Smith', selbstverständlich wird es wie jedes andere an diesem Abend verkaufte Exemplar vom Autor signiert.

Die Lesung soll um 19.30 Uhr beginnen, etwa um diese Zeit wird das Licht auf der Bühne gedimmt und Torsten und Wolfgang setzen sich an ihre Instrumente. Beginnt die Lesung direkt? Nein, der Platz in der Mitte bleibt vorerst leer. Eine Roboterstimme zählt die technischen Daten der Titanic auf, dazu laufen getragene und fast orchestrale Klänge - das könnte auch Musik zu einem Film sein. Torsten greift zum Mikrofon und gibt eine kleine Einführung, wie dieses Projekt zustande kam. Dann endlich kommt auch Wolfgang Brunner auf die Bühne und beginnt mit dem ersten Kapitel aus seinem Buch.

In "Smith - mein Leben bis zur Tragödie der Titanic" geht es um das Leben von Edward John Smith, Kapitän der Titanic auf ihrer ersten und letzten Fahrt. Zum Zeitpunkt deren Untergangs war Smith bereits 62 Jahre alt und hatte eine lange und erfolgreiche Karriere bei der White Star Line hinter sich - diese Fahrt sollte eigentlich ihr krönender Abschluss sein. Die Erinnerung an Smith wird natürlich vom Untergang der Titanic überschattet, von seinem Leben davor wird eher weniger gesprochen. Wolfgang Brunner hat sich mit seinem Buch quasi überlegt, wie die Memoiren von Kapitän Smith ausgesehen hätten, wäre er nicht mit der Titanic untergegangen. Die fiktive Autobiographie beginnt mit der Geburt im Jahre 1850, mit Smiths Kindheitserinnerungen, und wie die Erzählungen seines Halbbruders ihn für die Seefahrt begeisterten.

Die Musik läuft während der Lesung weiter, aber bleibt natürlich im Hintergrund und beschränkt sich auf melodische, warme Flächen. Erst nachdem Wolfgang Brunner mit dem ersten Kapitel fertig ist und ein Pause macht, darf sie in den Vordergrund treten. Sie ist - wie bereits erwähnt - speziell für dieses Projekt komponiert worden, und geht jetzt in einen rhythmisch-melodischen Teil über. Wolfgang Brunners Buch ist ja fast 500 Seiten dick, wir werden also heute nur einige wenige Ausschnitte hören und dürfen uns bei dieser Musik vorstellen, wie Smiths Leben in den folgenden Jahren verlaufen ist, bis wir bei einem anderen Ereignis oder Wendepunkt 'Station' machen. Edward Smith fährt zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile zur See, aber noch als Matrose auf einem Segelschiff und erlebt seine ersten Stürme auf See. Passend dazu wird die begleitende Musik auch schroffer und rauher. Ich meine, in diesem Teil eher den Stil von Wolfgang Barkowski herauszuhören, der auf seinen Solowerken ja auch eher etwas 'kantiger' daherkommt.

Jeder Sturm geht vorbei und macht wieder schönerem Wetter Platz. Im dritten Teil der Lesung heiratet Edward Smith und bekommt sein erstes Kommando als Kapitän auf einem Schiff der White Star Line - eine glückliche Zeit. Wie die Begleitmusik zu diesem Kapitel daherkommt? Der Rhythmus stampft fast so wie ein Dampfer auf See bei schönem Wetter. Die Reise durch das Leben von Kapitän Smith geht weiter, aber erst einmal - Pause!

Dieser Abend ist ein recht stiller Abend, kein lauter Applaus, eher Nachdenken über das gerade gehörte. In der Pause meint Wolfgang Barkowski auch, wir wären hier eben nicht auf einem Rockkonzert, wo der Star am Ende seine Gitarre zertrümmert (auch das war oft nur Show und die Gitarre vorher angesägt ...). Ein lautes Schiffshorn beendet die Pause und ruft die Zuschauer zurück zu ihren Plätzen.

Der längste Tag des Jahres ist schon eine Weile vorbei, es ist mittlerweile dunkel geworden und Wolfgang Brunner muss für den zweiten Teil seine Leselampe einschalten. Zeitlich haben wir einen großen Sprung gemacht. Viele Jahre sind im Leben des Edward Smith vergangen, er hat eine Familie, ist auf diversen Dampfern Kapitän gewesen und konnte seinen sechzigsten Geburtstag feiern. Die Schiffe der Olympic-Klasse sind gerade im Bau, und der vierte Teil der Lesung (gleichzeitig der längste) behandelt Kapitän Smiths Besuch der Werft in Belfast. Smith ist voll Bewunderung über die gewaltigen Dimensionen dieser Schiffe, verschweigt aber auch nicht die Probleme auf der Werft: die Konflikte in der Arbeiterschaft und die Diskussionen der Ingenieure, ob der verwendete Stahl für so ein Schiff wirklich der geeignete ist. Diese Spannung spiegelt sich auch im folgenden musikalischen Block wider: dunkle, fast bedrohliche Klänge, dazu eine klagende Stimme. Wir wissen ja alle, wie diese Geschichte ausgehen wird.

Das weiß aber Kapitän Smith noch nicht, als ihm das Kommando über die Titanic für deren Jungfernfahrt übertragen wird. Noch gilt sie als ein Wunderwerk der Technik, und auch als ein Schiff, das den Passagieren einen noch nie dagewesenen Luxus bietet. Die begleitende Musik ist nicht mehr so flächig, sie behält ihren Rhythmus und den harmonischen Charakter. Diese Jungfernfahrt ist ja ein fröhlicher Anlass, und sie soll den krönenden Abschluss von Kapitän Smiths Karriere bilden.

Dass es anders kommen wird, das wissen wir alle. Das Ende dieser Fahrt und Smiths Leben zu beschreiben, bleibt aber der Musik vorbehalten. Sie setzt einen dramatischen Schlusspunkt unter diesen Abend, zu dem der Zuhörer sich die Vorgänge auf dem Nordatlantik am 15. April 1912 selber ausmalen können. Das Schlusskapitel von "Smith" wird nicht verlesen - wer diese Stunden aus der Sicht von Kapitän Smith kennenlernen möchte, muss Wolfgang Brunners Buch kaufen und selber nachlesen. Ob die an diesem Abend gespielte Musik irgendwann auch käuflich zu erwerben sein wird - das steht noch nicht fest. Eine Aufnahme wurde wohl gemacht. Einstweilen muss also Wolfgang Brunners Buch genügen, um sich an diesen intimen und schönen Abend in den Solinger Güterhallen zu erinnern. Es könnte gut sein, dass es nicht der letzte dieser Art bleibt: An einer Musik zu Brunners Cryptanus-Trilogie wird schon gearbeitet.
Alfred Arnold