Rezensionen

Er ist schon ein sehr fleißiger Komponist, dieser Robert Schroeder. Aktiv seit Ende der 1970er Jahre veröffentlicht er mit Dream Access bereits sein 34stes Solo-Album. Er selbst schreibt zum Album: "Der Weg zurück in die Atmosphären der Entstehungsphase der Elektronischen Musik war und ist mein Ziel. Dies ist mir mit diesem Album ein großes Stück weit mehr gelungen." Tatsächlich tritt man mit der Musik auf Dream Access eine klangliche Zeitreise in die frühen Zeiten seines Schaffens an, allerdings schon in die rhythmische Phase zu Zeiten von Skywalker und Computer Voice. Inmitten der Stücke trifft man allerdings auch immer wieder auf neuere, experimentelle Einlassungen und Flächen, die seinem heutigen Stil entsprechen. Robert schafft hier einen symbiotischen Klangkörper aus klassisch analogem Spiel in einem digitalen Umfeld, insgesamt jedoch näher an der traditionellen elektronischen Musik als zeitgenössische Vertreter des Genre. Mit dieser Mischung bewegt sich das Album mehr auf einer emotionalen Elektronikebene, fängt entsprechend die Gefühlswelt der 1980er des Stils ein. Er lässt den Hörer das eigenwillige Wesen der EM wiederentdecken, den ursprünglichen Traum hinter dieser speziellen Spielart elektronisch-musikalischer Erlebnisreisen.

Bezug: Spheric Music

Stefan Schulz

Auf welchem Label Alien Nature alias Wolfgang Barkowski sein neues Album veröffentlicht, das ist auf den ersten Blick zu sehen. SynGate-Alben erscheinen immer in gleicher Aufmachung mit den schwarzen Balken am oberen und unteren Rand und mindestens ähnlichen Schrifttypen.

Die Gestaltung des Covers ist nicht die einzige Ähnlichkeit zum Vorgänger „Who Goes There?“ von 2012. Auch beim Thema, das der Musik zugrunde liegt, bleibt Wolfgang seiner Leidenschaft treu: Science Fiction. Nach wie vor kenne ich mich in der SF-Literatur überhaupt nicht aus; so weiß ich (dem Internet sei Dank) bislang immerhin, dass „Jerry Cornelius“ eine Figur aus der Feder des Science-Fiction-Autors Michael Moorcock ist. Ich könnte nun vermuten, dass die Titel der einzelnen Stücke auf der CD sich auf Geschichten um Jerry Cornelius beziehen oder gar direkt aus einem Buch von Moorcock stammen. Eigentlich ist mir persönlich das aber gleichgültig – mir gefällt einfach die Musik.

Ich hatte Akikaze, den sympathischen Niederländer Pepijn Courant, für eine geraume Zeit musikalisch aus den Augen verloren. Nicht, dass mich seine Musik nicht interessiert hätte, aber seine Veröffentlichungen in den letzten zehn Jahren sind an mir vorbeigegangen; das jüngste Akikaze-Album in meiner CD-Sammlung war bislang „Leap In The Dark“, und das ist 2002 erschienen.

Bei der Berliner Schule Meistergruppe Broekhuis, Keller und Schönwälder hat sich das Farbrad wieder um eine Stufe weiter gedreht. Und jetzt ist alles Grün. Die mit über 70 Minuten wieder gut gefüllte CD ist diesmal in 5 Stücke aufgeteilt, wobei das letzte auch schon auf die als nächstes anstehende Farbe verweist. Das Album ist natürlich ein Muss für alle BKS-Fans, auch in Grün gibt es zahlreiche Sequenzen und synthetische Melodien aufs Ohr. Allerdings ist die Zusammenstellung musikalisch stellenweise überraschend, so finden sich neben knalligen Rhythmen und modernem Sound auch klassisch-traditionelle Passagen mit improvisiert überspielten Klangverläufen. Abwechslung ist somit garantiert.

Infos: Website von BKS
Bezug: Manikin

Stefan Schulz

CoversDu schliesst die Bürotür hinter dir zu und steigst in dein Auto. Morgen beginnt der erste Urlaubstag und Tom Webster alias Klangstein hat bereits den richtigen Einstimmungssoundtrack dafür designed. Ohne Unterbrechung laufen die entspannten Rhythmen, Sounds und Klangfelder zu den Tagen er Erholung, unaufdringlich unterstützend und immer mit der Massgabe als Lebensexlixier für die kommenden Stunden des Genießens zu fungieren. Das lässige Frühstück auf der sonnenbefluteten Terrasse stimmt auf die Momente zwischen Palmen und Pool ein, während der weiße Südseestrand noch auf den Sonnenuntergangs-Besuch warten muss. Die 14 Lebensmelodien von Klangstein, Buchert, Setsuna und Co. erschallen dabei im Repeatmodus, so kann man es aushalten.

Stefan Erbe

Über Zufallsentdeckungen freut man sich oft am meisten. Zum Beispiel diese: Ein Freund fotografiert auf Instagram den Stapel seiner neu erworbenen CDs und die oberste ist gut lesbar... Und sieh an, auf dem Streamingdienst der Wahl ist das Album verfügbar. Also: Ohne etwas zu wissen „Play“ drücken.

Dieses Album war „Platform“, das dritte Album von Holly Herndon, die ich bislang nicht kannte, allerdings sehr zu unrecht. Nach drei Titeln war klar, das ist so gut, das verlangt nach mehrmaligem Hören.

Komplexe elektronische Kompositionen, immer wieder zentral auf die Vocals der Künstlerin bauend, spannen ihre eigene Welt auf. Mal spröde, mal groovend, aber immer wieder als umfassende Herausforderung an traditionelle Hörgewohnheit. Avantgarde, natürlich. Und trotzdem irgendwie Pop. Zwischen Laurie Anderson, Matthew Herbert und Aphex Twin sucht man die ersten Einflüsse, aber da ist so vieles mehr zu entdecken. Vor allem viel überbordende Kreativität der Mittdreissigerin aus San Francisco, die sie maßgeblich mit der Hilfe des Notebooks als zentralem Arbeitgerät umsetzt. Textlich wie musikalisch spannend lässt sie klassische Song- und Kompositionsstrukturen hinter sich, ohne den gelegentlichen Hörer sofort zu brüskieren. Der Dialog zwischen Mensch (Künstlerin) und Maschine (Notebook / Internet / Software) in einem Prozess der Neudefinition von Kommunikation im Zeitalter des Digitalen und mit all seinen Verheißungen, Möglichkeiten und Bedrohungen wird hier erlebbar gemacht. Politisch, philosophisch und sowohl technologiekritisch als auch utopisch. Und wer sich auf „Platform“ einlässt, wird mit einem Reichtum an neuen Eindrücken und Inspiration belohnt.

Mich begleitet das Album derzeit kontinuierlich und immer wieder durch den Alltag, und es ist bei jedem Hören neu und beeindruckend.

Über das Album hinaus lohnt es sich, sich mit den Visuals zu Holly Herndons Music auseinanderzusetzen, die sich u.a. auf Vimeo („Chorus“) oder muzu („Interference“) finden und ihr musikalisches Konzept kongenial ergänzen.

Ihr hochinteressanter Account bei Soundcloud birgt beispielsweise mit Minnesang: A tale of bits and atoms ein großartiges 20-minütiges Werk, das konzeptionell, textlich und musikalisch auch über den Rahmen von Platform noch hinausgeht.

Und auch ihr Tumblr-Blog geht weiter über billige Marketing-News hinaus.

Platform ist im Mai 2015 auf 4AD erschienen.

Bezug: via 4AD

Matthias Reinwarth

Wenn man mich danach fragt, was für mich kosmische Musik ausmacht, dann kann ich nur auf entsprechende Gedankenbilder verweisen. Blue Dream von Sequentia Legenda ist für mich kosmische Musik, denn sie löst unmittelbar solche Bilder aus: Sternenmeer, vorbeiziehende Kometen, "kreisende" Planeten eines Sonnensystems. Und wenn man sich eine Versetzungs ins All nicht vorstellen mag, stelle man sich ein Planetarium vor. Von der ersten Sekunde an versinkt man in einem Gefühl des schwerelosen Dahintreibens.

Das erste Stück, Fly Over Me, ist mit über 30 Minuten ein einziges solches Traumerlebnis. Man ist ja immer bemüht, Vergleiche zu finden, weil dies die Beschreibung der Musik vereinfacht. Hier fällt meine Erinnerung sofort auf die Musik von Software, wie von Peter Mergener geschrieben, zurück. Die tragend, schwebenden Flächen und die leicht schillernde Sequenz, die über den Lauf des ersten Stücks nur leicht variiert und in der Tonlage anpasst, sind wie eine aktuelle Variante des damaligen Mergener-Stils. Und doch ist es anders, symphonischer im Ansatz. Der anfänglich kaum vorhandene, nicht-invasive Rhythmus des Stücks zieht einen sanft mit und steigert sich bis in den dan aktiven aber nicht aufdringlichen Schlagzeugrhythmus zum Ende des Tracks.

Aus Fly Over Me geboren, das in 10 Untertitel aufgeteilt ist, sind die beiden Bonus-Tracks The Approach und Vibrations von je ca. 21 und 15 Minuten. Sie nehmen jeweils einen der Teilsektionen des Hauptstücks auf und führen sie weiter in eigenständige Erlebnisse. Dabei ist The Approach eine sehr intensive Ausarbeitung des kurzen Themas in der ursprünglichen Form, das zur Hälfte sehr rhythmisch und endringlich, zum Ende hin gar leicht unheilschwanger wirkt. Vibrations nimmt die leichtgewichtige Sequenz aus dem sehr kurzen Teilstück und bettet sie in kräftige Synthflächen ein; wie ein Schweben im Orbit während am Horizont langsam die Sonne hervortritt.

Insgesamt ein schönes, zeitloses Klanggemälde, das der französische Musiker Laurent alias Sequentia Legenda hier vorgelegt hat.

Kontakt: Künstler-Website
Bezug: Bandcamp

Nachtrag: Das Album ist mittlerweile auch als CD erhältlich, bestellbar über die Bandcamp-Seite oder über PWM Distrib.

Stefan Schulz

coverWenn "Mode-Mitmacher" Martin Gore ein Instrumental-Solo-Album veröffentlicht, darf und muss auch empulsiv mal einen Blick darauf werfen. Zugegeben, nach ein paar Takten, hätte es auch gepasst wenn ein paar Vocals von Dave Gahan das Erzeugte ergänzt hätten, aber die 16 Tracks bleiben frei von sämtlichen Gesangseinlagen. Wer nicht zur Hardcore-Mode-Fan-Gruppe gehört, wird das Album vielleicht als Grund erachten, sich nun wenigstens mit den Kompositionen eines Bandmitgliedes auseinander zu setzen. Ob es reicht, sich dann auch mit weiteren DP-Output zu beschäftigen bleibt zu bezweifeln, denn zu oft sind die Tracks nur Ansammlungen von Patterns und Ideen, die es aber irgendwie bis zum fertigen Song nicht geschafft haben. Dennoch ist der Gesamt-Content abwechslungsreich und selten langweilig, zumeist aber ein bisschen unspektakulär, so dass es die Hälfte an Tracks auch gereicht hätte. Gores Sound ist minimalistisch, tendenziell reduziert und hebt dabei einzelne Elemente in den Vordergrund, die dann das komplette Stück tragen müssen. Ein Konzept, dass nicht so ganz aufgeht, fehlt dann doch der Anteil eines Sängers wie Gahan. Aber dann wäre es wieder "Mode-Album", und wer will das schon...

Stefan Erbe