Interviews

Für die heutige Ausgabe hat sich Stephan Otten, Kopf und Gründer der Band Sankt Otten, den 10 Fragen gestellt. Stephan ist Vollblutmusiker und betritt mit seiner Band in diesem Herbst die große Bühne der elektronischen Musik.

1. Der Name Sankt Otten ist einem großen Teil der Leserschaft von empulsiv sicherlich noch unbekannt, obwohl die Band ja bereits im letzten Jahrtausend gegründet wurde, allerdings zunächst mit Gesang. Ich vermute mal, das "Sankt" stammt aus dem Kürzel St. für Stephan. Was hat dich damals zur Gründung von Sankt Otten bewogen und welche Ziele hattest du zu jener Zeit?

Stimmt genau. Das "Sankt" stammt schlicht und einfach aus der Abkürzung meines Vornamens. Ich bin Anno 1998/99 solo gestartet. Zu der Zeit ermöglichte es die technische Entwicklung der Home Computer, mit simplen Mitteln zuhause Musik aufzunehmen. Das hatte mich fasziniert. Als Schlagzeuger war ich es gewohnt, umständlich ins Studio zu müssen, um vorzeigbare Aufnahmen zu machen. So konnte jeder selbst am PC loslegen. Um meine Aufnahmen interessanter zu gestalten, hatte ich dann einen Freund gebeten Gitarren hierzu einzuspielen. Dann ergab es sich dann irgendwie auch noch Gesang hierzu aufzunehmen. Wir haben dann später als Duo weitergemacht. Das ganze mündete dann 2000 im ersten Album EINE KLEINE TRAURIGKEIT. Musikalisch konnte man das damals aus deutschsprachigen Zeitlupen-Pop mit Trip Hop-Einflüssen bezeichnen. Das Album höre ich immer mal wieder gern. Es ist völlig zeitlos, und war der damaligen Zeit wirklich um einiges vorraus.

2. Du hattest ja sogar schon früher mit deiner musikalischen Karriere begonnen, 1990 mit The Bugs Know Best, wo du sogar deine Stimme erhoben hast. Inwieweit hat dich die Zeit und die Musik (Noiserock) geprägt, was bewog euch dazu, euch 1999 aufzulösen?

Das war sogar noch früher, ich mache schon seit Mitte der Achtziger Musik. Anfangs war ich Sänger und später habe ich dann Schlagzeug gespielt und dazu gleichzeitig gesungen. Ich glaube meinen Schlagzeug-Stil hört man es bis heute an, aus welcher Richtung ich komme.

Jedes Musikprojekt ist irgendwann mal "durch". Es war einfach Zeit für etwas Neues. Da kam mein Solo-Projekt Sankt Otten genau passend.

3. Seit 2001 besteht Sankt Otten aus dir und Oliver, mit dem du schon bei THE BUGS KNOW BEST zusammen gespielt hast. Und ihr komponiert und spielt seitdem instrumentale Elektronikmusik, elektronischen Post-Rock mit hörbaren Referenzen an den alten Krautrock. Was hat euch dazu bewegt, euch mit den alten Klassikern des Stils zu beschäftigen und selbst musikalisch in diese Richtung zu gehen?

Ein Freund von uns hat eine grosse Krautrock-Vinylsammlung. Wir treffen uns bei Ihm regelmässig um Musik zu hören und ein Kaltgetränk zu nehmen. Ich fürchte das hat seine Spuren hinterlassen.

4. Es gibt außer einigen wenigen Größen nur noch wenige bekannte, aktive Musiker der traditionellen EM. Allerdings gibt es eine große Anzahl (auch jüngerer) Künstler, die regional sehr aktiv sind. War euch diese "Szene" bekannt, habt ihr euch umgeschaut, was andere bzgl. der "alten" Elektronik aktuell treiben, oder habt ihr euch einfach auf eure Musik konzentriert?

Die wirklich sehr aktive EM-Szene ist uns noch nicht so lange bekannt. Wir haben vor ca. 2-3 Jahren die Liebe zu Analog-Synthesizer-Sounds entdeckt. Wenn man sich dann hierzu etwas im Netz umschaut, stößt man gleich auf eine Menge Gleichgesinnter. Soweit ich das aber abschätzen kann, ist der Kreis denoch überschaubar, wenn man das mit instrumentaler Rockmusik / Post-Rock vergleicht in der wir ursprünglich unsere Wurzeln haben.

5. Im September kommt ihr direkt mit dem EM-Fandom in Kontakt, spielt live beim Electronic Circus Festival in Gütersloh. Eure Tagline lautet "Gottes Synthesizer - live", was sich auf euer letztjähriges Album bezieht. Was habt ihr euch bei diesem Titel gedacht und war die Uraufführung in einer Kirche Zufall?

Die Headline hat sich der Hans-Hermann vom EC ausgedacht, der kann das beantworten. Unser Label Denovali präsentiert regelmässig eine Konzertreihe in einer Kirche in Bochum. Da passte unser Albumtitel und das Cover mit dem Mädchen mit betenden Händen natürlich optimal. Das war ein klasse Abend, wann bekommt man sonst schon mal die Möglichkeit direkt vor einem Altar zu spielen. Wir haben ein Faible für Sontitel, die aus der klerikalen Richtung kommen (z.B. Es ist nicht alles Gott was glänzt, Auf Sünde folgt Strafe, Wir sind Deine Propheten ...). Da ist mir igendwie Gottes Synthesizer in den Sinn gekommen.

6. Dieses Jahr erschien das Album Sequenzer Liebe, wieder mit feinster Elektronik und Post-Rock. Und wieder mit einem tollen Cover mit einem Gemälde des Spaniers Salustiano Garcia Cruz. Wie kam die Idee zu den Covers in Verbindung mit eurer Musik?

Das großartige Titelbild von Gottes Synthesizer habe ich durch Zufall im Netz entdeckt. Ich habe dann den Künstler nach langem hin und her selbst kontaktieren können. Er mochte unsere Musik und war sofort von der Idee begeistert, einige seiner Bilder für ein Artwork herzugeben. Die Bilder sind übrigens alles richtige Öl-Gemälde und teilweise einige Quadratmeter gross. Mittlerweile haben wir einen schon persönlichen Kontakt zu Salustiano und er hat uns dann auch beim neuem Cover unterstützt.

Ich finde das Artwork ist mal wieder eine perfekte Symbiose zur Musik geworden. Bei den Artworks versuchen wir einen etwas anderen Weg zu gehen. Wir wollen nicht die klassischen "Weltraum" - Cover wie im EM - Bereich üblich. Wir und unser Label legen grössen Wert auf schöne und ausgefallene Coverart. Zwei Alben von uns waren sogar in einer Hülle aus Stoff mit Reißverschluss verpackt.

7. Ihr seid ja keine Frischlinge mehr, was Live-Konzerte angeht. Was erwartet ihr euch von eurem Auftritt beim Electronic Circus Festival und was erwartet die Besucher?

Wir erwarten uns vor allen Dingen hoffentlich jede Menge neue Hörer. Es ist für uns ein Debüt auf einem "klassischem EM" Festival zu spielen und sind gespannt, ob unsere Interpretation von EM ankommt. Ich denke, ein Großteil der Hörer kommt bestimmt hauptsächlich wegen Gandalf.
Wir haben einen Bekannten der VJ ist, und der wird Visuals zum Auftritt machen. Zudem stehen wir gerade in Kontakt mit einem Gastmusiker, der uns bei einem Stück begleiten soll. Das ist aber noch nicht ganz spruchreif. Ich habe zufällig heute im EC-Forum entdeckt, dass Winfrid Trenkler ggf. plant zu kommen. Da passt es ganz gut, dass wir gerade an einer Bearbeitung von Harald Grosskopfs So Weit, So Gut arbeiten. Ich hoffe, wir schaffen es bei Konzert zu spielen.

8. Sankt Otten ist aktuell sehr produktiv: drei Alben seit 2009 und stapelweise Singles und EPs. Wann kann mit dem nächsten Album oder Release aus eurer Feder gerechnet werden, sind bereits weitere Konzerte geplant und in welche Richtung wird kommende Musik gehen?

Ein neues Album liegt noch in weiterer Ferne. Wir nehmen zwar schon wieder neue Sachen auf, aber vor Mitte nächsten Jahres wird es vermutlich nichts Neues geben. Musikalisch werden wir uns treu bleiben. Klar ist aber schon, dass wir wieder ein Cover von Salustiano nutzen werden um eine Cover-Trilogie zu vollenden. Wir wurden gerade von einer amerikanischen Instrumental/Postrock - Band eingeladen, sie im Frühjahr auf Europatour zu begleiten. Das ganze ist noch in Planung. Das wird super, wenn es hinhaut.

9. Was wären neben oder mit Sankt Otten musikalische Wunschträume, die du dir gerne erfüllen würdest?

Es wäre schon schön, wenn wir etwas mehr Publikum für unsere Konzerte begeistern könnten und ein wenig mehr verkaufen würden, damit unser Label wenigstens einmal die Kosten decken kann. Bei unserer Produktivität kann das ins Geld gehen Zudem vielleicht mal eine Platte zusammen mit Manuel Göttsching an der Gitarre und Thom Yorke am Gesang aufnehmen?

10. Die Finalfrage: Welches sind deine drei ultimativen Alben, die du auf eine einsame Insel mitnehmen würdest?

Shellac : At Action Park
Kraftwerk : Computerwelt
Bohren & der Club of Gore : Black Earth

Links zum Thema:

Hörproben aller Sankt Otten - Veröffentlichungen: http://sankt-otten.bandcamp.com/
Denovali Records
Electronic Circus Festival

Das Interview führte Stefan Schulz