Interviews

ddremp

Am sehr beschaulichen Berliner Prenzlauer Berg residiert Andreas Krüger, den die meisten Elektronik-Fans, neben seinen weiteren unzähligen Projekten, wohl als den Dritten Raum kennen werden. Mein Besuch in seinem neuen, aber noch vorübergehend errichteten Wohnstudio zeigte wieder einmal, dass es eigentlich egal ist wo die versammelte Hardware aufgebaut ist, solange die Gesamtumgebung genügend Kreativoutput zu Tage bringt. Andreas gehört zweifelsohne zu einer der Gattung stromgeladener Synth-Enthusiasten denen es scheinbar selten an Basis-Spirit fehlt, um einen gelungenen Spagat zwischen minimalistischem Dance to Base und filigranen Sequenzer Momenten hinzubekommen. Dabei ist der finale und typische Charakter des dritten Raumes zumeist das entscheidende Bass-Element, welches so treibend beweglich seine Tracks voranbringt. Im ausführlichen Interview sprachen wir über Geräte, Musikmärkte und die individuellen Dinge des Musik-Machens. Wahrhaftig spannend!

 

empulsiv: Andreas, wenn ich mich hier so umschaue sehe ich eine ungewöhnliche Studioumgebung. Gibt es einen besonderen Grund, weshalb Deine Geräte hier stehen und nicht in einem expliziten Studio?

Andreas: Ich stecke mitten im Umbau und habe erstmal mein Studio in diesen gemischten Arbeits- und Wohnbereich aufgestellt, da das eigentliche Studio noch nicht fertig ist. Ich bin erst seit kurzem hier in diesen Anbau gezogen und habe sogar zwischendurch für andere Produktionen leer stehende Wohnungen im Haupthaus genutzt, um arbeiten zu können. Bis das eigentliche Studio (eine Etage tiefer) fertig sein wird, lässt es sich hier wirklich Prima arbeiten. Aber der zukünftige Bereich wird wieder ein komplettes Recording-Studio mit Gesangskabine, Schlagzeugbereich usw. werden

empulsiv: Hast Du darüber nachgedacht den Umzug auch für eine Veränderung der Technik zu nutzen?

Andreas: Nein, denn die größten Herausforderungen werden sicher in den diversen baulichen Maßnahmen stecken, damit meine ich die Schalldämpfung und die Mikrofonierung. Aber mit der eigentlichen Technik meiner Geräte und Systeme bin ich sehr zufrieden.

empulsiv: Womit arbeitest Du am meisten?

Andreas: Hier am liebsten mit den analogen Sachen, aber ich nutze auch oft, gerade wenn ich unterwegs z.B. in der Bahn sitze, Logic auf meinem Laptop. Ich liebe es mit dem Zug zu reisen und breite mich dann richtig aus und erzeuge mit diversen Plugins dann verschiedenstes Material. Im Studio bevorzuge ich eindeutig die Arbeit mit den externen Synths und stelle immer wieder fest, dass es wesentlich mehr Spaß macht haptische Technik
zu benutzen, als mit Software zu arbeiten. Es ist eben deutlich inspirierender.

empulsiv: Auffällig ist, dass der Sound vom Dritten Raum etwas Besonderes hat, wie z.b. die typischen Bass-Muster bzw. Bass-Sequenzen. Entsteht dies unbewusst oder legst Du einen bestimmten Fokus auf (d)einen Wiedererkennungswert?

Andreas: Stimmt Bässe sind mir sehr wichtig und ich setze oft einen neuen Track zunächst auf eine Bass-Linie und ergänze das Stück dann mit weiteren Elementen. Ich finde der Bass wird oft ziemlich stiefmütterlich behandelt und selten als Stilmittel verwendet. Eine gute Clubnummer profitiert extrem durch eine gut gemachte Bass-Sequenz. Darin investiere ich sehr viel.

empulsiv: Wenn man in die Vergangenheit blickt, so gibt es mit dem Album „Raumgleiter“ eine Produktion, die man durchaus als Meilenstein bezeichnen kann. Wie kam es dass Du danach nicht den einfachen und vermeintlich kommerziellen Weg weitergegangen bist, sondern wieder etwas ganz anderes ausprobiert hast?

Andreas: Es war praktisch eine Zäsur nach „Raumgleiter“ etwas Neues zu machen, deshalb habe ich auf der Nachfolgeproduktion „Distanz“ meine Vorstellungen komplett geändert. Mir was es sehr wichtig dies zu tun.

empulsiv: Wie groß ist die Gefahr, sich vielleicht doch einem Erfolgsprinzip zu unterwerfen?

Andreas: Das habe ich bewusst nicht gemacht und mich eher auch von den Dingen und der Musik beeinflussen lassen, die ich zu diesem Zeitpunkt selbst gehört habe und gut fand. Das nimmt man unweigerlich auch mit in seine eigenen neuen Tracks. Nach Raumgleiter und speziell dem sehr erfolgreichen Stück „Hale Bopp“ brauchte ich Veränderung und wollte mich von dieser Tranceähnlichen Richtung wieder lösen.

empulsiv: Wie kommt es, dass nun nach langer Zeit doch wieder ein paar alte Stücke wieder verfügbar sind und z.B. als Remixversionen released wurden?

Andreas: Ich hatte damals einen lukrativen Deal mit einem Major gemacht und meine Albumrechte für 10 Jahre abgetreten. Nach dem großen Major-Label-Crash Anfang 2000 waren viele Sachen nicht frei und ich konnte erst vor ein paar Jahren wieder an das Material. Mittlerweile habe ich selbst ein Label und wollte natürlich auch die alten Sachen wieder in meinen Katalog aufnehmen bzw. die alten Tracks noch mal künstlerisch beleuchten lassen.

empulsiv: Jetzt kennst Du ja beide Seiten des Künstler-Daseins, zum einen mit einem Vertrag bei einem Major, als auch das eigenständige Labeln seiner Musik. War es für Dich schwer sich nach dem Wegfall umzustellen oder war es sogar ein bisschen wie eine Befreiung?

Andreas: Am Anfang war es ein Schock, denn ich mochte es eigentlich schon sich um nichts außer seiner Musik kümmern zu müssen. Einfach nur ein Master abzugeben und den Rest machen andere für Dich. Besonders die ersten drei Jahre waren sehr angenehm. Irgendwann wurde es aber dann schwierig und der Zeit der ständig wechselnden Mitarbeiter folgte immer mehr das Gefühl, das sich niemand wirklich noch um Dich und Deine Musik kümmern wollte. Nach dem Aus, war es tatsächlich dann sogar eine Erleichterung und jeder wusste, diese Zeit wird nicht mehr wiederkommen. Mir war sofort klar, dass es für mich nun wesentlich Arbeitsintensiver und anstrengender wird.

empulsiv: Sprechen wir über Deine Geräte und Deiner Leidenschaft über analoge Technik.
Gibt es für Dich noch Hardware die Du suchst oder Du das Gefühl hast die könnte Deinen Sound noch verbessern?

Andreas: Also klanglich habe ich alles was ich brauche, aber ich bin bzw. war natürlich auch Jäger und Sammler und halte auch Ausschau, aber wenn man ehrlich ist, der Markt ist mittlerweile völlig überteuert und man zahlt Unsummen für interessante Geräte. Deshalb brauche ich nicht zwingend etwas und kann mit meinem Fuhrpark alles machen, was ich mir vorstelle. Es gibt z.B. von Doepfer bezahlbare Systeme oder auch diverse Nachbauten, die gut klingen. Alte Modularsystem die Tausende von Euro kosten betrachte ich mehr als Möbelstück und weniger als sinnvolles Instrument (lacht).

empulsiv: Wie hat Dich die Entwicklung der Instrumente musikalisch beeinflusst?

Andreas: In den letzten 10 Jahren sehr wenig. In den Jahren davor brachte die Nutzung von bezahlbaren Harddisk-Recording-Systemen eine der bedeutsamsten Veränderungen. Das war ein entscheidender Fortschritt. Sequenzer und Aufnahmegerät sind damit praktisch in ein Gerät gewandert. Ansonsten gab es nicht sonderlich viele Innovationen. Ich mag und verwende auch keine Presets, sondern erzeuge jeden Klang individuell, modifiziere alles solange bis er oder es mir gefällt. Auch die Rack-Teile, in der Fachsprache auch als Rompler bezeichnet stehen nur noch so hier rum und werden oder wurden hier im Studio auch noch nie benutzt. Ich habe sie gelegentlich mal auf der Bühne als Soundgeber verwendet.

empulsiv: Wie ist Deine typische Herangehensweise beim Musikmachen?

Andreas: Das ist sehr unterschiedlich, manchmal konstruiere ich mir einen Beat oder ein anderes Element und schaue dann erstmal was sich so entwickelt. Da gibt es kein typisches Konzept. Vorher schau ich natürlich noch, dass alle Geräte gestimmt und lauffähig sind. Irgendwann kommt dann der Moment an dem ich einfach das Live-Spiel direkt in den Rechner aufnehme um den richtigen Moment der ersten guten Takes nicht verpassen will. Oft nehme ich sehr viele Sachen auf und suche mir später das beste Material heraus und bearbeite es dann weiter.
Manche der Analog-Geräte sind nicht via CV-Gate Interface angeschlossen und werden direkt in den Rechner geschickt. Und dann wird sehr viel im Detail „gebastelt“.
Es gibt dann unzählige Spuren und endlos lange Files mit Ideen, aus denen ich dann wieder Loops erzeuge, Elemente dupliziere oder sonst wie verändere.

empulsiv: Wie lange dauert es um ein Album zusammenzustellen?

Andreas: Etwa ein Jahr, sofern diese Zeit ausreichend Produktives hervorgebracht hat. Natürlich hat man auch besonders intensive Phasen in denen man sehr viel Output erzeugt. Manchmal kommen mehr als 50 Ideen zusammen, aus denen ich dann eine weitere Auswahl treffen muss. Oft lasse ich das Material einige Wochen liegen und höre es mit ein bisschen Abstand noch mal. Daraus ergeben sich dann ca. ein Dutzend Stücke, die ich dann für eine Produktion verwende. Alles das passiert immer in mehreren Phasen.

empulsiv: Was passiert mit dem Material, dass übrig bleibt?

Andreas: Ich produziere ja nicht nur technoides Zeug, sondern mache auch viele andere Projekte. Manchmal ergeben sich daraus neue Ansätze, wofür ich es dann auch verwenden kann. Es ist ja kein Müll, sondern oftmals auch Musik die mit Gesang oder als experimentellere Musik gut funktioniert. Somit gibt es keine Grenzen, sondern nur gute oder weniger gute Ideen.

empulsiv: Der Dritte Raum ist ebenso ein Live-Projekt und Du reist viel in Deutschland und Europa herum. Nach welchen Kriterien suchst Du die Veranstaltungen aus?

Andreas: Ich spiele gerne auf verschiedenen Events, egal ob kleiner Club oder große Bühne, alles hat seinen Reiz. Früher haben wir auch auf den fetten Riesen-Raves gespielt, aber so was brauche ich heute nicht mehr.

empulsiv: Wie wichtig ist der wirtschaftliche Erfolg bzw. die Popularität als Künstler?

Andreas: Mit ist es wichtig, dass ich autark bleibe und mein Studio und meine musikalische Arbeit weiterführen kann. Wie schon erwähnt, die fetten Jahre kommen nicht wieder und man muss sich auch andere Ziele, als nur den kommerziellen Erfolg setzen können. Das große Geld ist auch nicht mehr zu machen.

empulsiv: Wie siehst Du die Entwicklung im Digitalen Vertrieb und Plattformen wie Youtube und Facebook?

Andreas: Natürlich ist es Fluch und Segen zugleich. Du erreichst viel schneller viel mehr Menschen und bekommst Likes und Aufmerksamkeit, aber wirtschaftlich ist es viel schwieriger mit Musik dort dauerhaft Geld zu verdienen. Entweder man macht einige Live-Sachen oder man hat einen größeren Back-Katalog wie wir, dann sind auch noch Umsätze machbar, aber wer mit drei Singles bei Itunes ist, wird von dem schmalen Jahreserlösen kaum seine Stromrechnung bezahlen können.
Es ist aber so wie es ist und man wird auch hier die Zeit nicht zurückdrehen können, obwohl ich mich über ein längeres, weltweites „Ausschalten des Internets“ freuen würde, dann müssten alle wieder Platten kaufen (lacht). Aber jede technische Erfindung hatte eben auch seine Schattenseiten oder Verlierer. Das Internet nicht ausgeschlossen.

empulsiv: Und gleichsam setzt nicht die beste Musik, sondern nur das beste Marketing durch?

Andreas: Genau, Du bist DJ und beauftragst einen Produzenten die Musik zu machen, deine Agentur promotet Dich und du legst einfach nur auf den großen Events auf. Derzeit ein probates System um Erfolgreich zu sein. Es nimmt wahrhaftig immer mehr groteske Züge an.

empulsiv: Wo gibt es für Dich besondere regionale Veränderungen, speziell in der elektronischen Musik und wie ist es derzeit in Berlin?

Andreas: Ich war kürzlich in Leipzig und sehr beeindruckt von der aktiven Szene dort. Nicht nur durch den noch preiswerten Lebensraum entsteht dort etwas, es gibt vielmehr eine nennenswerte Anzahl an guten Künstler.
Berlin dagegen ist extrem groß und schwer zu überblicken. Aber es gibt immer noch viele verschiedene Strömungen, Clubs und Locations, die aber sicherlich immer mehr mit den steigenden Preisen zu kämpfen haben. Da spült einiges aus den zentralen Bereichen heraus und immer mehr in die Randgebiete. Eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis auch hier der Mietzins die Kultur übernommen hat. Aber derzeit funktioniert es sicher noch ganz gut.

Synmag: Wie geht’s mit Deinen Projekten weiter?

Andreas: 2014 wird noch ein neues Album erscheinen (kam zum Jahreswechsel) und ich arbeite parallel an zwei bis drei verschiedenen Dingen, die doch wieder komplett anders sind wie das kommende DDR-Album. Natürlich toure ich durch Deutschland und stelle neues Material vor. Ich hoffe außerdem, dass mein Studioumbau voran gehen wird. Eigentlich sollte es ja nur 2-3 Wochen hier stehen und nicht länger. Der Rest wird sich wie immer ergeben.

Stefan Erbe